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Für Waldorfschulen unterwegs - in der Schweiz und weltweit

Interview von Thomas Stöckli mit Ursula Locher

Wie lange bist du schon als Waldorfpädagogin tätig und welches sind die wichtigsten Etappen deiner pädagogischen Laufbahn?

Ich begann im Frühling 1981 als Klassenlehrerin einer ersten Klasse an der Rudolf Steiner Schule in Zürich und führte diese bis Sommer 1989. Nach einem Sabbaticalyear 1989/1990 wechselte ich an die Oberstufe für die Fächer Biologie und Geografie. 

Seit 1995 arbeitete ich bis 2010 als Oberstufenlehrerin an der Rudolf Steiner Schule Sihlau in Adliswil.

Während meines Sabbaticals arbeitete ich im ersten Halbjahr in Mexico, Kolumbien (Cali) und Peru (Lima) an Waldorfschulen. Aus diesen Begegnungen entstand eine kontinuierliche Zusammenarbeit während meiner Sommerferien, die z. T. bis heute andauert. Die zweite Hälfte meines Freijahres verbrachte ich in Russland, versuchte die Sprache zu lernen und nahm an einer Expedition in den Altai teil.

Das führte zu neu gegründeten Waldorfschulen in Shukovsky und Irkutsk (Russland) und zu Seminararbeiten in Kiew (Ukraine). Diese Arbeiten gehen bis heute weiter.


Was ist deine innere Motivation, dass du so lange dran bliebst und immer noch bist?

Meine Arbeit an der Sihlau mit Jugendlichen zeigte mir immer mehr, dass Schüler durch Projektarbeit unter andern Lebensbedingungen oft unerwartete Erfahrungen machen, die neue Lernmotivationen auslösen. So führte ich über mehrere Jahre ein Heckenprojekt auf einem Demeterhof in Russland mit Schülern aus der Sihlau durch, sowie ein Ökologieprojekt in Cimalmotto kombiniert mit Schreinerarbeit (Innenausbau einer Käserei auf der Alp) etc.

Ehemalige Studenten des Lehrerseminars in Lima, an welchem ich mit einer Kollegin aus der Schweiz während 10 Jahren Naturwissenschaften unterrichtete und auch Projekte und Exkursionen in alle Klimazonen Perus durchführten sind jetzt Lehrer an verschiedenen Waldorf Schulen in Peru. Sie bitten mich bis heute mitzukommen um mit ihren Schülern ähnliche Projekte durchzuführen.

Daraus entwickelte sich 2014 ein erstes Ökologie – Projekt im Urwald Perus auf einer internationalen Forschungsstation (Panguana), welche durch Abbrennen des Primärwaldes durch die lokale Bevölkerung bedroht ist. Der Grund ist die Erschliessung einer Goldmine im Hinterland.

Seit 2015 findet jetzt regelmässig in Panguana ein Aufforstungsprojekt mit der 9. Klasse statt, die ich als pädagogische Beraterin begleite. Ähnliches hat sich in der Ukraine entwickelt.


Worin besteht dieses Lernbegleitungs-Projekt? Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Was ist dabei deine Rolle?

Seit meiner Arbeit mit Schülern hat mich die Frage beschäftigt: „Wie kann ich all diese verschiedenen Kinder zum Lernen motivieren?“ Durch die vielen kleineren und grösseren Projekte, die ich seit meiner Lehrtätigkeit entwickelte und durchführte, ergab sich stets neu die Möglichkeit meine Schüler anderen Situationen kennen zu lernen.

Mit Schülern einer 9. Klasse führte ich im Zusammenhang mit meiner Masterarbeit in Praxisforschung eine Studie durch. Diese Forschung zeigte mir, dass Schüler, wenn sie sich etwas Kleines vornehmen, was sie an ihrem Lernverhalten ändern wollen, Vieles erreichen. Sie lernen so auch ihre Stärken und Schwächen kennen. Es braucht aber die Unterstützung und Begleitung des Lehrers.


Seit wann machst du das schon und welche Länder und Projekte/Schulen sind dabei beteiligt?

Daraus entwickelte ich die Arbeit für Lernbegleiter mit Lehrern, die ich seit 2011 an Schulen in Deutschland, Schweiz, Italien, Peru, Russland und Ukraine durchführe. Mit zwei Kolleginnen habe ich einen Verein aufgebaut: wo wir uns über die Entwicklung austauschen und auch jährlich eine GV durchführen.


Welche Sprachen sprichst du? hast du auch Mitwirkende? Wie viele Menschen sind involviert in diesem ganzen Projekt?

Ich spreche Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch.

Ich werde begleitet vom Institut für Praxisforschung von Thomas Stöckli, der meine Arbeit unterstützt und die Weiterbildung der Lehrpersonen zertifiziert.

An den einzelnen Schulen machen jeweils 8 bis 10 Lehrer mit.


Gibt es auch ein Zertifikat und welche Rolle spielt das Institut für Praxisforschung?

Ich habe einen festen Ablauf meiner Arbeit, der das Unterrichtsprotokoll 

als Grundlage hat. Wenn alle Arbeitsschritte eingehalten werden, gilt es als eine abgeschlossene Weiterbildung und die Teilnehmer erhalten ein Zertifikat, das vom Institut für Praxisforschung bestätigt wird.

Nicht alle Teilnehmer erreichen dies.


Welcher Schritt steht nun an, damit du in deinem fortgeschrittenen Alter es in einigen Jahren in jüngere Hände geben kannst? Wer kann sich melden als Mentor?

Da sich diese Arbeit während 7 Jahren positiv entwickelt hat, sehe ich den Zeitpunkt reif, dass andere Lehrer diese Rolle (Ausbildner von Lernbegleiter) übernehmen können. Ich möchte Lehrern mit Unterrichtspraxis meine gemachten Erfahrungen weitergeben, da ich dies nicht unbeschränkt weiter machen kann.


Eignet sich dein Ansatz auch für Schulen in der Schweiz? Wird es hier auch Angebote geben?

In der Schweiz wurde ich nur punktuell von Schulen eingeladen, aber diese Art der Beobachtung und Begleitung kann generell an allen Schule durchgeführt werden.


Du bist nun auf dem Weg nach Milano... welches sind deine Pläne für 2018, welche Länder wirst du besuchen?

Jetzt werde ich in 2 Std. an der Scuola Libera Tommaso Pini in Milano meine zweite Hospitation in diesem Schuljahr durchführen. Im März wird diese Weiterbildung für das Schuljahr wieder abgeschlossen sein und zertifiziert werden.

Weitere Stationen sind Ulm(2 Schulen Hospitationen), Seminar Anthropologie/Zoologie in Palermo, Ukraine: Hospitationen an der Schule in Kiev, Projektbegleitung mit einer 7. Klasse, Botanikseminar Kiev mit einer Kollegin aus Basel, Peru: Hospitationen an 2 Schulen, Seminar Anthropologie und Zoologie in Cuzco mit der Kollegin aus Basel. Die Schule in Shukovsky (Russland) habe ich Anfang Januar zum 25. Mal besucht.


Bitte kommentiere 8 Fotos, die das gut illustrieren, was du machst.

Die Fotos zeigen, dass generell der Besuch in jedem Fach in jeder Altersstufe möglich ist.

Mobirise

Modellieren einer Kugel mit anschliessender Betrachtung

Mobirise

Schülerinnen einer 11. Klasse verarbeiten Texte zur Literatur

Mobirise

Geschichtsunterricht 8. Klasse, Schüler halten Vorträge zur Geschichte Perus

Mobirise

Geigenstunde aller Schüler 4. Klasse

Mobirise

Turnstunde der 4. Klasse im Schulhof

Mobirise

Vorbereitung eines Standes für das Fest von St. Michael 6. Klasse

Mobirise

Geografie, Schüler einer 4. Klasse stellen in kleinen Gruppen einen Plan der Schule her

Mobirise

Schüler einer 4 . Klasse bewegen sich zum Rhythmus eines Gedichts

Welches ist deine Idee für Waldorf 100 und warum?

Viele Waldorfschulen führen mit ihren Schülern ökologische Projekte durch.

Auf einer Weltkarte können diese jetzt eingetragen werde (Siehe Flyer Waldorf 100). Mir ist wichtig zu zeigen, dass an Waldorfschulen nicht nur das Künstlerische gepflegt wird, sondern dass sich Schüler auch an den aktuellen Umweltproblemen durch Taten beteiligen.



Was wäre dir noch ein wichtiges Anliegen, für die kommende Entwicklung der Waldorfschulen?

Durch das Erleben von Waldorfschülern aller Altersstufen in verschiedenen Länder komme ich zum Schluss, dass wir als Lehrer einerseits bestrebt sein müssen, das Individuelle der Kinder immer besser zu erkennen 
(was Praktisches Tätig-Sein erleichtert), anderseits den „Stoff“ auf die Basiskenntnisse reduzieren, damit in Projekten den Schülern zu eigener Erarbeitung mehr Raum gegeben wird. Wichtig ist, dass während jeder Unterrichtseinheit verschiedene Sinne angeregt werden.

Ursula Locher
Zürichstrasse 81, CH-8118 Pfaffhausen
+41 44 825 47 61